Pferde in Bewegung

Als Reiter hast du bestimmt schon das ein oder andere Mal von dem Begriff Skala der Ausbildung gehört. Gemeint ist damit ein Schema, das den korrekten Ausbildungsweg eines Reitpferdes beginnend mit der Gewöhnung an das Reitergeicht bis hin zur Erarbeitung von Versammlung, Gleichgewicht und Durchlässigkeit des Pferdes vorgibt.

Die Skala umfasst die Stufen Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichtung und Versammlung.

Sie soll zum einen als Leitbild für die gesamte Pferdeausbildung verstanden werden, dient aber auch als Anleitung für den Aufbau einer Trainningseinheit.

Auch wenn es zu Unstimmigkeiten beim Reiten kommt, kann die Ausbildungsskala zu Rate gezogen werden, um die Ursache der Schwierigkeiten auszumachen.

 

Die Skala der Ausbildung Quelle: Richtlinien für Reiten und Fahren
Die Skala der Ausbildung
Quelle: Richtlinien für Reiten und Fahren, Band 1

 

 

Die Stufen der Ausbildungsskala

 

Takt

 

Als Takt bezeichnet man das zeitliche und räumliche Gleichmaß aller Schritte, Tritte und Galoppsprünge des Pferdes.

Das Pferd fußt in regelmäßiger Folge in gleichmäßigem Rhythmus beim Schritt im Viertakt, beim Trab im Zweitakt und beim Galopp im Dreitakt.

Die natürlichen Bewegungsabläufe, die Fußfolge und der Takt der jeweiligen Gangart müssen immer erhalten bleiben.

Dieser Grundsatz  gilt auch bei Tempoveränderungen durch Zulegen und Einfangen, sowie für das Reiten auf gebogenen Linien und Richtungswechsel.

 

Losgelassenheit

 

Der Begriff Losgelassenheit beinhaltet einen physischen und einen psychischen Teilaspekt.

Die physische Losgelassenheit ist gekennzeichnet durch die Fähigkeit, die an der Bewegung beteiligte Muskulatur zwanglos gleichmäßig und regelmäßig an- und abzuspannen.

Die psychische Losgelassenheit beschreibt die innerliche konzentrierte Gelassenheit des Pferdes.

Insgesamt fühlt sich das Pferd wohl und ist frei von Verspannungen.

Die Losgelassenheit bildet die entscheidende Grundlage der Lern- und Leistungsbereitschaft des Pferdes.

 

Anlehnung

 

Unter der Anlehnung versteht man die stete weich-federnde feinste Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul.

Die Anlehnung ist aber auch beim gebisslosen Reiten möglich. Der Reiter tritt in diesem Fall über den Nasenrücken in Verbindung mit dem Pferd.

Die Kopf-Halshaltung des Pferdes kann dabei je nach Ausbildungsstand oder Arbeitsphase variieren zwischen Dehnungshaltung mit vorwärts-abwärts-Tendenz und getragenerer Halshaltung des Pferdes in Aufrichtung.

 

Schwung

 

Als Schwung bezeichnet man die Übertragung des energischen Impulses aus der Hinterhand über den schwingenden Rücken auf die Gesamtvorwärtsbewegung des Pferdes in vorm von Schubkraft.

Schwung kann sich nur in Gangarten mit Schwebephase, also Trab und Galopp, entwickeln.

Ein Pferd bewegt sich schwungvoll, wenn die Hinterhand energisch vom Boden abfußt, in der Phase der freien Schwebe gut nach vorne durchschwingt und das Vorderbein frei aus der Schulter nach vorne gesetzt wird.

Schwung erkennt man an einer ausgeprägten Schwebephase, in der das Pferd den Boden nicht berührt.

Der Schritt ist keine schwungvolle Gangart.

Hier sollte das Pferd fleißig und raumgreifend schreiten und die Gliedmaßen geschmeidig nach vorne bringen.

 

Geraderichtung

 

Von Natur aus tritt ein Pferd mit einem Hinterbein zwischen die Spur der Vorderbeine und mIt dem anderen Hinterbein an der Spur der Vorderbeine vorbei.

Für den Reiter ist eine hohle und eine steife Körperseite zu fühlen.

Die Geraderichtung wirkt dieser natürlichen Schiefe des Pferdes entgegen.

Ziel ist, das Pferd so zu gymnastizieren, dass es lernt mit Vorder- und Hintergliedmaße auf einer Hufschaglinie zu fußen und die Körperlängsachse auf gerader und gebogener Linie der Bewegungsrichtung anzupassen.

Ein geradegerichtetes Pferd läuft auf beiden Händen gleich gut und  ist in der Lage, in allen Grundgangarten und auf beiden Händen die geforderte Übung in beinahe gleicher Qualität auszuführen.

Die Geraderichtung äußert sich außerdem in einer auf beiden Zügelhälften gleichmäßigen Anlehnung.

Die Muskulatur ist auf beiden Körperhälften gleichmäßig ausgebildet.

Die Geraderichtung leistet außerdem einen wichtigen Beitrag zur Gesunderhaltung des Pferdes, da mit ihrer Hilfe erreicht wird, dass das Pferd alle vier Beine gleichmäßiger belastet und so Verschleißerkrankungen einer Gliedmaße vorbeugt wird.

 

Versammlung

 

Unter Versammlung versteht man ein Umwandeln der Schubkraft in Tragkraft der Hinterhand.

Das Pferd ist in der Lage, sich mit herangeschlossener Hinterhand und stärker gebeugten Gelenken der Hinterbeine auszubalancieren, sich leichtfüßig und energisch zu bewegen und sich in Selbsthaltung zu tragen.

Dies bezeichnet man als Lastaufnahme der Hinterhand.

So verfügt das Pferd über eine bessere Beweglichkeit, Reaktionsfähigkeit, Kraftentfaltung und Gleichgewicht.

Die Versammlung zeichnet sich durch die sogenannte Hankenbeugung, also die Beugung der großen Gelenke der Hinterhand aus.

Das Pferd senkt sich in der Hinterhand und ohne dass der Reiter aktiv die Kopf-Hals-Haltung beeinflussen muss, gelangt das Pferd optisch in Bergauftendenz bei leichter Anlehnung und relativer Aufrichtung.

Dabei ist die Versammlung allerdings immer auch in Relation zum Ausbildungstand des Pferdes und zum Ziel des Reitens zu sehen.

Einen gewissen Versammlungsgrad zu erreichen ist aber bei jedem gerittenen Pferd wertvoll, denn das damit einhergehende bessere Gleichgewicht und die Kraftentwicklung des Pferdes erleichtern ihm die Bewältigung der vom Reiter gestellten Aufgaben sehr.

 

 

Die Skala der Ausbildung – Nur wichtig für Dressurreiter?

 

„Alles schön und gut  – aber ich möchte doch mit meinem Pferd nur ausreiten und ein bisschen Spaß haben. Ich bin doch kein Profi.“ sagst du dir jetzt vielleicht.

Oder: “ Muss ich das als Freizeitreiter wirklich alles beachten? Ich möchte doch mit meinem Pferd nur ein bisschen galoppieren und ein paar kleine Sprünge bewältigen.“

Oder: „Darauf kann ich verzichten. Ich bin doch kein Dressurreiter.“

Aber stimmt das wirklich???

Meiner Meinung nach nicht.

Natürlich bist du auch in der Lage, dein Pferd durch den Wald zu lotsen oder einen Sprung anzureiten, wenn du die Grundsätze der Ausbildungsskala nicht beachtest.

Hast du ein williges und freundliches Pferd, wird es versuchen, die Anforderungen, die du an es richtest, so gut es geht zu erfüllen.

Allerdings tust du deinem Pferd und auch dir damit auf lange Sicht damit keinen Gefallen.

Du erschwerst deinem Pferd die Arbeit, indem du es um die Chance bringst, zu lernen, wie es dich ohne Mühe und im Gleichgewicht tragen kann!

Wie ich schon in diesem Beitrag über den Pferderücken beschrieben habe, ist nämlich Reiten nicht gleich Reiten und und die gesundheitlichen Folgen für dein Pferd können später gravierend sein.

Lesetipp: In diesem Artikel beschreibt Petra von Pferdefluesterei.de warum Dressur die Grundlage für ein pferdegerechtes Reiten bildet.

Außerdem:

Macht es nicht das Reiten bei allem, was du mit deinem Pferd vorhast, viel schöner und einfacher, wenn dein Pferd sich in allen Grundgangarten

  • ausbalanciert, im Gleichgewicht über den Rücken und im Takt
  • konzentriert und willig mitarbeitend
  • beidseitig geschmeidig
  • schwungvoll und leichtfüßig
  • vertrauensvoll die Verbindung zur Reiterhand suchend

bewegt?

Genau das ist das Leitbild der Ausbildungsskala.

 

Ziel der Ausbildungsskala: Die Durchlässigkeit des Pferdes

Das grundsätzliche Ziel der Pferdeausbildung ist die Durchlässigkeit.

Sie ist dann gegeben, wenn das Pferd seinem Ausbildungsstand entsprechend alle Punkte der Ausbildungsskala erfüllt und den Reiterhilfen folgt.

Das Pferd bewegt sich also auf beiden Händen taktmäßig, losgelassen, in Anlehnung, schwungvoll, geradegerichtet und im Gleichgewicht und reagiert auf vorwärtstreibende, verhaltende und seitwärts wirkende feine Hilfen.

Die Bewegung kann ungehindert durch den gesamten Pferdekörper „fließen“ und der Reiter wird vom schwingenden Rücken in der Bewegung mitgenommen.

Die Durchlässigkeit ist also immer das Gesamtziel der Pferdeausbildung und wird in ihrem Verlauf immer weiter verfeinert.

 

Wechselbeziehungen der Ausbildungsstufen untereinander

 

Folgt man der Skala der Ausbildung, so ergibt sich ein Punkt zu gegebener Zeit aus dem vorhergehenden.

Dies bedeutet aber auch, dass sich die einzelnen Stufen gegenseitig bedingen und das sich Schwierigkeiten bei einem der Kriterien auch auf die übrigen Ausbildungsstufen auswirkt und insgesamt immer das Gleichgewicht und die Durchlässigkeit beeinträchtigen.

 

Wechselbeziehungen zwischen den Ausbildungsschwerpunkten Quelle: Richtlinien für Reiten und Fahren, Band 1
Wechselbeziehungen zwischen den Ausbildungsschwerpunkten
Quelle: Richtlinien für Reiten und Fahren

 

Takt und Losgelassenheit stehen in einer engen Wechselbeziehung zu einander.

Auf der einen Seite bildet der Takt die Basis der gesamten Pferdeausbildung.

Nur ein Pferd, das sich in seinem natürlichen Takt bewegt, ist es in der Lage, sich loszulassen und sein Gleichgewicht zu finden.

Auf der anderen Seite führt eine mangelnde Losgelassenheit durch Verspannung und Aufregung des Pferdes meist zu Taktstörungen.

Auch die Anlehnung und damit die Geraderichtung des Pferdes sind abhängig vom Takt.

Findet das Pferd nicht in seinen natürlichen Bewegungsrhythmus, kann es keine stete Verbindung zur Reiterhand aufbauen und ohne eine korrekte Anlehnung ist geraderichtende Arbeit mit dem Pferd nicht möglich.

Umgekehrt können eine falsche oder zu stramme Anlehnung oder schlecht ausgeführte Versuche der Geraderichtung den natürlichen Takt des Pferdes stören und so auch die Losgelassenheit des Pferdes negativ beieinflussen.

Mangelnde Losgelassenheit wiederum verhindert das korrekte Schwingen des Pferdes.

Indem die Mukulatur nicht mehr gleichmäßig an- und abspannt sind Schulterfreiheit und das Durchschwingen der Hinterhand unter den Schwerpunkt nicht mehr möglich.

Die Losgelassenheit hingegen wird durch ein übermäßiges Fordern von Schwung beeinträchtigt.

Die Versammlung als letzte Stufe der Ausbildungsskala ist abhängig von allen anderen Kriterien und kann demzufolge bei Störungen des Pferdes in Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung oder Geraderichtung nicht erreicht werden.

Dies gilt auch für Durchlässigkeit.

Treten also Probleme in der Durchlässigkeit auf sollten grundsätzlich alle Kriterien der Ausbilungsskala überprüft werden, um das Gleichgewicht wieder herzustellen.

 

Fazit

 

Die Skala der Ausbildung bietet meiner Meinung nach eine universelle Grundlage für die Ausbildung eines jeden Pferdes, welches geritten werden soll unabhängig von der eigentlichen Reitweise oder Disziplin.

Auch wenn dein Ziel beim Reiten nicht in der hohen Versammlung des Pferdes liegt, versetzt die Beachtung ihrer Grundsätze dein Pferd auf lange Sicht in die Lage, dich als Reiter zu tragen und von dir gestellte Aufgaben immer einfacher und mit Freude an der Arbeit zu erfüllen.

Es  findet schneller in sein Gleichgewicht, fühlt sich wohl und kann konzentriert mitarbeiten.

Außerdem ist die Ausbildungskala unabhängig vom Ausbildungsstand deines Pferdes anwendbar.

Egal ob dein Pferd gerade erst angeritten wurde oder schon länger als Reitpferd unterwegs ist, geben die Ausbildungskriterien eine gute Orientierungshilfe dafür, welche Dinge du mit deinem Pferd noch üben und verfeinern solltest und welche anderen Dinge ihr schon gut beherrscht.

Zusätzlich bietet dir die Ausbildungsskala einen Leitfaden, nach dem du einzelne Übungseinheiten mit deinem Pferd absolvieren kannst.

Dafür ist es auch garnicht notwendig, auf die Dinge, die dir und deinem Pferd Spaß machen, zu verzichten.

Auch beim Ausreiten, Springen, etc. lassen sich kleine Übungen einbauen, die euch dem Gesamtziel Durchlässigkeit näherbringen oder einzelne Punkte wie zum Beispiel Takt oder Anlehnung verbessern.

In der Rubrik Training werde ich dir zukünftig regelmäßig Tipps und Übungen vorstellen, mit deren Hilfe du mit deinem Pferd an den einzelnen Punkten der Ausbildungsskala arbeiten kannst.

 


***** Dieser Artikel wurde in Anlehnung an das Buch Richtlinien für Reiten und Fahren Band 1, 28. und 29. Auflage aus dem FN Verlag verfasst.*****

Bildquelle: Pixabay

 

War dieser Artikel hilfreich für dich?

Hast du noch Fragen? Teile sie mit uns in den Kommentaren!

 

Eine schöne Woche

Corinna1

 

Teile diesen Beitrag mit deinen Freunden!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*