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Die Hilfengebung – Kommunikation über den Sitz

Hilfengebung - Kommunikation aus dem Sitz heraus

Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass zu gutem Reiten auch theoretisches Wissen und Verständnis notwendig sind. Deshalb gibt es heute von mir einen Beitrag zum Thema Hilfengebung, denn die korrekte Anwendung der Reiterhilfen ist die Grundvoraussetzung für feines Reiten.

 

 

Die Hilfengebung anatomisch betrachtet

 

Sobald ich mich als Reiter auf mein Pferd setze, nehme ich unvermeidlich sofort Einfluss auf dessen Körper, Gleichgewicht und Bewegungen.

Dies geschieht zum einen über mein Gewicht und meine Haltung und zum anderen über meine Bewegungen auf dem Pferd und die Nutzung von Hilfsmitteln wie Sattel, Zügel, Stimme etc.

Diesen Einfluss auf das Pferd kann ich dazu nutzen, dem Pferd mitzuteilen, was es für mich tun soll. Ein solches  zielgerichtetes Einwirken auf mein Pferd bezeichnet man als Hilfengebung.

Grundsätzlich unterscheidet man auf Basis eines geschmeidigen und ausbalnciertes Sitzes drei Kategorien von Hilfen:

 

Die Schenkelhilfen

 

Die Unterschenkel des Reiters liegen am Brustkorb des Pferdes an. Dieser pendelt je nach Gangart mehr oder weniger deutlich fühlbar hin und her. Verantwortlich dafür ist die  seitliche Bauchmuskulatur des Pferdes, die das gleichseitige Hinterbein nach vorne bewegt.

Der Brustkorb des Pferdes schwingt zu der Seite, auf der das Hinterbein aufgefußt hat und die Last stützt und weiterschiebt. In diesem Moment ist die Bauchmuskulatur dieser Seite maximal gestreckt. Auf der anderen Pferdeseite ist für den Reiter ein Wegschwingen des Brustkorbes von der Wade bedingt durch ein Anspannen der Bauchmuskulatur zu fühlen. So entfernt sich der Brustkorb von der Seite, auf der das Hinterbein vorwärts schwingt, so als ob er diesem Platz machen wollte.

Der richtige Augenblick für eine wirksame Schenkelhilfe ist der Moment, in dem die Pferderippen die Wade des Reiters berühren und in die entgegengesetzte Richtung zu schwingen beginnen. Dieser Moment zeigt dem Reiter an, dass der gleichseitige Hinterfuß nun vom Boden abfußt und wieder vorgeführt wird. Die seitlichen Bauchmuskeln des Pferdes sind noch gestreckt aber bereit zu kontrahieren um den Hinterfuß nach vorne zu ziehen. Setzt der Reiter genau in diesem Moment einen treibenden Impuls an seinem gleichseitigen Schenkel, verstärkt dieser die ohnehin stattfindende Kontraktion der Bauchmuskulatur. Das Resultat ist ein energischeres Abfußen und ein höheres Erheben des gleichseitigen Hinterbeines bei verbesserter Sprunggelenksbeugung.

Liegen die Unterschenkel des Reiters elastisch am Pferdekörper an, kommt eine leichte treibende Hilfe bereits dadurch zustande, dass sich das Pferd durch die Pendelbewegung des eigenen Brustkorbes wechselseitig bei jedem Schritt, Tritt oder Sprung eine Einwirkung der Reiterwade gewissermaßen selbst „abholt“.

Um einen gezielten und dosierten oder auch stärkeren Impuls auszuüben, kann der Reiter durch Anspannen der hinteren Oberschenkelmuskulatur seine Wade stärker ans Pferd drücken und so die treibende Wirkung der Hilfe erhöhen.

Unterscheiden kann man die Schenkelhilfen anhand ihrer vorwärtstreibenden, vorwärts-seitwärtstreibenden und verwahrenden Einwirkung.

  • Die vorwärtstreibende Schenkelhilfe dient dazu, das energische Abfußen der Hinterhand zu erreichen und zu erhalten. Dabei sollte jedoch ein permanentes aktives Treiben vermieden werden. Um die Sensibilität des Pferdes zu erhalten, sollte nur wenn nötig ein Vorwärtsimpuls gesetzt werden. Reagiert das Pferd wie gewünscht, reicht anschließend die leichte Einwirkung durch die Eigenbewegung des Pferdes wieder aus. Die Schenkellage sollte am Gurt sein.
  • Die vorwärts-seitwärtstreibende Schenkelhilfe bewirkt, dass das Pferd insbesondere mit dem jeweiligen inneren Hinterbein vorwärts-seitwärts tritt. Hierbei handelt es sich um ein einseitig verstärktes Treiben, wobei der äußere Schenkel im Gegenzug etwas weniger treibt. Zusätzlich wird diese Hilfe eingesetzt, um die Längsbiegung des Pferdes zu unterstützen.
  • Die verwahrende Schenkelhilfe erfolgt immer durch den äußeren Schenkel. Dieser ist grundsätzlich mit für die Vorwärstbewegung verantwortlich.  Seine Hauptaufgabe besteht aber darin, ein seitliches Ausweichen der Hinterhand zu verhindern. Er sorgt dafür, dass Vor- und Hinterhand in der gleichen Spur bleiben.

 

 

Die Gewichtshilfen

 

Der Reiter tritt über sein Becken beweglich und elastisch mit dem Pferderücken in Verbindung. Die schwingende wechselseitige Auf-und-Ab-Bewegung des Pferderückens und des Beckens des Pferdes übertragen sich durch Anheben und Absenken auf das Becken des Reiters.

Da jedes Pferd bestrebt ist, sein Gleichgewicht zu halten, ist im Umkehrschluss der Reiter in der Lage durch die Ausrichtung und Bewegung seines eigenen Beckens Einfluss auf die Bewegung des Pferdes auszuüben.

So werden Gewichtshilfen vom Reiter durch minimale Gewichtsverlagerung und die damit verbundene Verlagerung  seines Schwerpunktes gegeben. Aus der passiv mitschwingenden Beckenbewegung wird eine bewusste Bewegung, die der Reiter mithilfe von Körperspannung vor allem in der Bauch- und Rumpfmuskulatur einleitet.

Auch wenn sich am effektiven Gewicht des Reiters nichts ändert, setzt der Reiter dieses zielgerichtet ein und macht es in der jeweiligen Situation für das Pferd unterstützend spürbar.

Der Reiter kann dabei beidseitig belastend, einseitig belastend und entlastend einwirken. Die Hilfe kann akzentuiert, begleitend und wiederholend gegeben werden.

  • Die beidseitig belastende Gewichtshilfe entsteht dadurch, dass der Reiter durch Anspannen seiner Bauchmuskeln sein Becken leicht nach hinten abkippt und seine Sitzbeinhöcker etwas mehr belastet. So ergibt sich eine Verlagerung seines Schwerpunktes, dem das Pferd in seiner Bewegung folgt.
  • Die einseitig belastende Gewichtshilfe entsteht dadurch, dass der Reiter sein Gewicht vermehrt auf den inneren Gesäßknochen verlagert. Dies geschieht indem das Becken leicht nach vorne innen rollt. So schiebt sich die innere Hüfte ebenfalls leicht nach vorne. Außerdem wird die äußere Schulter etwas nach vorne gebracht und der äußere Schenkel kommt weiter hinten zum Liegen. Das Pferd soll idealerweise seine Bewegung und seine Längsbiegung an die Verlagerung des Schwerpunktes des Reiters anpassen.
  • Bei der entlastenden Gewichtshilfe wird der Schwerpunkt des Reiters leicht nach vorne verschoben. Dies geschieht, indem er den Oberkörper etwas nach vorne neigt und so sein Gewicht nach vorne verlagert.

 

 

Die Zügelhilfen

 

Mit den Zügelhilfen begleitet der Reiter die Bewegung des Pferdes. Sie bilden einen elastischen und auffangenden Gegenpol zu den treibenden Hilfen. Geht das Pferd in Anlehnung, ergibt sich automatisch eine gewisse begleitende Zügeleinwirkung.

Bei einem durchlässigen Pferd sind Zügelhilfen beinahe das Ergebnis der Gewichts- und Schenkelhilfen. Sie sollten idealerweise so fein dosiert und differenziert sein, dass sie für den Betrachter kaum sichtbar sind.

Man unterscheidet annehmende, nachgebende, aushaltende, verwahrende und seitwärtsweisende Zügelhilfen.

  • Die nachgebende Zügelhilfe erfolgt durch ein leichtes Ausdrehen und Vorgehen der Zügelfäuste aus dem Arm heraus. Dabei soll die Zügelverbindung jedoch erhalten bleiben. Die Anlehnung des Pferdes wird dabei leichter und die Nase des Pferdes wird nach vorne vorgelassen.
  • Die annehmende Zügelhilfe erfolgt durch Eindrehen der Zügelfäuste. Sie hat für das Pferd immer eine einschränkende Wirkung auf Bewegung und Beweglichkeit von Rücken und Hinterhand. Auch wenn sie teilweise für einen Moment ausgehalten wird (aushaltenden Zügelhilfe)muss ihr immer eine nachgebende Zügelhilfe folgen.
  • Die verwahrende Zügelhilfe ergänzt beim Stellen und Biegen des Pferdes den inneren stellunggebenden Zügel. Der äußere Zügel gibt soviel nach, dass die Stellung am inneren Zügel ermöglicht wird. Er begrenzt das Pferd in Hals, Schulter und Stellung nach außen hin.
  • Die seitwärtsweisende Zügelhilfe kann genutzt werden, um das Pferd in eine Wendung zu führen. Dabei nimmt der Reiter seine innere Hand in der Wendung einige Zentimeter nach innen vom Hals weg. Diese Hilfe ist immer mit einer entsprechenden Gewichtshilfe verbunden. Sie endet, indem die Reiterhand wieder in die ursprüngliche Position gebracht wird.

 

 

Der Kreislauf der Hilfengebung

 

Alle Hilfen des Reiters wirken zusammen und bilden in Ihrem Ablauf einen Kreislauf, der sicherstellt, dass das Pferd schwungvoll, geradegerichtet und ausbalanciert über den Rücken läuft.

Der Kreislauf beginnt mit dem Vortreiben der Hinterbeine durch eine Schenkelhilfe. Jeder Impuls mit dem Schenkel verursacht idealerweise ein vermehrtes Untertreten des gleichseitigen Hinterfußes unter den Schwerpunkt des Pferdes.

Dadurch ergibt sich ein Aufwölben des Pferderückens, was dazu führt, dass der Reiter zum Sitzen kommt und über Gewichtshilfen und die sogenannten (halben) Paraden Einfluss auf die Bewegung und das Gangmaß des Pferdes nehmen kann.

Über den Sitz kann der Reiter nun eine Verbindung zwischen Vor-und Hinterhand des Pferdes schaffen, sodass die Bewegung des Pferdes von der Hinterhand über den Rücken zu Vorhand, Hals und Genick und schließlich über die Zügelverbindung wieder zurückfließt.

Wie in einem elektrischen Stromkreis sind alle Elemente der Hilfengebung notwendig. Fehlt eine der Hilfen oder wird falsch eingesetzt, kann der Kreislauf nicht aufrecht erhalten werden. Die Kommunikation zwischen Pferd und Reiter  bricht ab und das Pferd wird durch den Reiter in seiner Bewegung gestört. Auch die oft als „Ziehen am Zügel“ bezeichneten und zum Bremsen mißbrauchten Zügelhilfen sind Bestandteil des Hilfenkreislaufs, der ohne sie nicht zustande kommen kann.

Entscheiden für den Kreislauf ist, dass das Pferd gelernt hat, die einzelnen Hilfen zu deuten und in gewünschter Weise zu reagieren.

Setzt das Pferd die treibenden Impulse des Schenkels nicht in ein Vorwärtsfußen des Hinterbeines unter seinen Schwerpunkt um, so wird es den Rücken nicht aufwölben sondern wegdrücken, sodass es auch nicht an den Gewichtshilfen steht. Eine korrekte Zügelhilfe ist so ebenfalls nicht möglich, denn das Pferd tritt nicht an die Hand heran.

 

 

Die Hilfengebung in der Praxis

 

Die Reiterhilfen sind ein rhythmisches Strukturierungsmittel für die Fußfolge des Pferdes, welches einzelne Aspekte jeden Schrittes, Trittes oder Sprunges je nach Bedarf akzentuieren, vergrößern oder verringern kann. Der richtige Moment für Anwendung jeder Hilfe wird dem Reiter vom Pferd selbst durch das Auf- und Abfußen der vier Pferdebeine, durch das seitliche Pendeln des Brustkorbs und der Auf- und Abwölbung des Rückens angedeutet.Thomas Ritter

 

Maßgebend für eine präzise Hilfengebung ist der geschmeidige Sitz des Reiters. Er muss in der Lage sein die Bewegungen des Pferdes zu erfühlen und elastisch in der Mittelpositur mitzugehen ohne in Knie oder Schenkel zu klemmen oder den Oberkörper hinter die Senkrechte zu lehnen.

Setzt das Pferd die Hilfengebung des Reiters korrekt und unmittelbar um, kann der Reiter unter seinen Gesäßknochen deutlich das Vorfußen der Hinterhand  und das Aufwölben des Rückens spüren. In der Folge tritt das Pferd gleichmäßig an beide Zügel heran, was sich durch weichen Kontakt vom Pferdemaul zur Reiterhand zeigt.

Über den Sitz und vorwiegend eingeleitet durch die Gewichtshilfe kann der Reiter über halbe Paraden Gangart, Takt, Tempo und Trittlänge bestimmen und auch die Schubkraft und Tragkraft der Hinterbeine regulieren.

Dazu ist es notwendig, dass sich das Reiterbecken senkrecht und gerade in seiner „neutralen“ Position im tiefsten Punkt des Sattels befindet, sodass ein gleichmäßiges Ansprechen beider Hinterbeine erfolgt.

Wendungen und Seitengänge werden über einseitig belastende Gewichtshilfen des Reiters eingeleitet und unterstützt. Indem der Reiter seinen Schwerpunkt etwas nach innen verlagert, animiert er das Pferdes dazu, in Richtung des Schwerpunkts zu wenden und seine Körperlängsachse durch Biegung am Reiter auszurichten.  Die innere Wade des Reiteres kommt dadurch  deutlicher ans Pferd zu liegen. So kann der Reiter den inneren Schenkel vorwärts- oder vorwärts-Seitwärts treibend einsetzen und so das Pferd dazu bringen mit seinem inneren Hinterbein vermehrt unter seinen Schwerpunkt zu fußen. Der verwahrende äußere Schenkel erhält dabei die Aktivität des äußeren Hinterbeines und verhindert ein Ausschehren der Hinterhand.

Grundsätzlich kann man sagen, der Reiter kann durch die Hilfengebung die Bewegungsrichtung eines Pferdebeins beeinflussen, solange es in der Luft ist.

Fußt das Hinterbein am Boden auf, kann der Reiter durch seine Hilfen auf die Lastaufnahme und die Hankenbeugung einwirken.

 

 

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Eine schöne Woche und weiterhin viel Spaß mit deinem Pferd!

Corinna1

 

 

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